Writing

der erste Satz ist oft der schwerste

 

Das Schreiben von Kurzgeschichten die vom echten Leben erzählen macht mir Freude. Lange bevor Radio, TV und Internet in unsere Gesellschaft eingezogen sind, haben sich Menschen abends gerne (am Lagerfeuer) Geschichten erzählt.

Wir leben heute in einer Zeit, in der wir ungleich mehr "aufnehmen" wie "abgeben". Sei es TV, Youtube, Gaming, Instagram etc. Schreiben ist etwas von innen nach aussen zu bringen, vergleichbar mit der Malerei. Zudem ist es einfach, schon ein Blatt Papier und ein Stift genügen. Für einen Kinofilm ist ein Budget von 50 Millionen US Dollar nicht besonderes und doch hat schon ziemlich jeder die Erfahrung gemacht, dass ein Buch zu lesen mitunter mehr Vergnügen bereiten kann, wie einen 300 Millionen US Dollar Blockbuster im Kino zu sehen. 

 

Im Anschluss hier, einen Auszug aus meiner Kurzgeschichte "Provinz Casino"

Leseprobe: Auszug aus "Provinz Casino"

Glaubhaft wurde mir versichert, heute ist nur noch die Bar im Casino geöffnet. Also war ich eben hier, im Prinzip reicht eine Bar pro Abend auch aus, eine Zweite wär womöglich Verschwendung und es hätte auch schlimmer sein können.

 

Es gibt genug Kleinstädte, da kannst Du Dir nach 22 Uhr an einem Dienstag, „höchstens noch die Minibar über den Kopf stülpen“. Ein Spruch, den ich selbst so nicht verwende, aber mein Freund Christoph bezeichnete das immer so und zu meiner Überraschung war er meist für einen Lacher gut. Trotzdem verwende ich ihn nie, warum auch immer.

 

Diese Kleinstadt war anders, denn es gab hier eines der wenigen Spielcasinos in diesem Land. Damit die rheumageplagten Kurgäste, hier, ihren Schmerz, bei Roulette und dem Gefühl einer Schicht anzugehören, der sie niemals angehören werden, vergessen zu versuchen.

 

Zumindest heute waren aber kaum Rheuma-Rentner da, sondern es wirkte vielmehr, wie wenn eine woher auch immer kommende, jüngere und mitunter durchaus angenehm anzusehende Gesellschaft, Helmut Dietls „Kir Royal“ nachspielt.

 

Da ich bereits bei der Garderobiere im Foyer, eine Etage tiefer, mit Hilfe eines in die Jahre gekommenen Leihjacketts, an das Niveau des Hauses zwangsangepasst wurde, war es mir problemlos möglich gewesen, die beiden Sicherheitskräfte am Saaleingang zu passieren.

 

Zielsicher steuere ich die Bar auf der gegenüberliegenden Seite an und nehme auf einem der Barhocker Platz.

 

„Guten Abend, kann ich bitte ein Pils bekommen“ sage ich, bewusst konzentriert, zu dem Mann, der mich den heutigen Abend begleiten wird.

 

Gross, männlich und gepflegt ist er, die leicht ergrauten Haare perfekt nach hinten gegellt, sein weisses Jacket ist mit den Namen „Roman“ in roter Farbe handbestickt.

Roman steht auf der anderen Seite der Bar, so wie eben das Leben ist. Es gibt die, die hinter der Bar stehen und die, die ordern.Wer dabei den besseren Job hat ist gar nicht so klar, wie es zunächst erscheint. Wozu aber jetzt auch zulange darüber nachdenken, es ist wie es ist.

 

Der Inhalt meiner Brieftasche wird heute Abend sicherstellen, dass ich eine gewisse Macht und Status in dieser Location habe, obwohl es sich ja eigentlich nur um bedruckte Baumwolle und Plastikkarten handelt.

 

Wertschätzung, Wertschätzung habe ich dadurch nicht, nicht bei Roman. Wertschätzung kann man nicht kaufen, allenfalls die Illusion einer Wertschätzung. Der griechische Reeder Onassis pflegte passend zu sagen „Wer denkt, dass man für Geld alles kaufen kann, hat nie welches gehabt“.

Als erfahrene Barfly weiß ich natürlich, dass hier nur einer das sagen hat und das ist der Mann mit dem perfekt weißen Jackett und dem rot aufgestickten Namen „Roman“. Gelingt es mir, dass „Roman“ mich als Gentleman bewertet, werde ich einen wunderbaren Abend haben.

 

Die meisten Menschen hier sitzen aber an grünen Tischen in dunklen Leihjacketts und schauen einer Kugel zu, wie sie in ein Loch fällt.

„Rien ne va plus“ höre ich eine Stimme aus dem off.

 

Klingt irgendwie auch besser wie das deutsch provinzielle „Nichts geht mehr“ und versteht trotzdem praktisch jeder. Genau wie  „Honi soit qui mal y pense“ oder gar „Je t‘aime“.

 

Andererseits wirkt französisch in diesem Kurort Casino, das eben nicht so sehr einem Treff von Kosmopoliten entspricht, etwas aufgesetzt.

 

Französisch, die Sprache der Liebe, schon der Volksmund weiß Glück im Spiel, Pech in der Liebe. Das passt nicht zusammen.

Da ich zeit meines Lebens Glück in der Liebe hatte, habe ich das mit dem spielen nie probiert. So wird es auch heute Abend sein. Mein Platz ist an der Bar.

Fauchend wirft die Espressomaschine eine weitere legale Droge aus, für wen ist für mich erst mal nicht erkennbar.

 

Roman schenkt Prosecco aus. Heute frei für Ladys. Damenabend, wie jeden Dienstag hier klar erkennbar kommuniziert durch die kleinen aufliegenden Flyer. Na ja.

 

Die Damen tragen keine Leihjacketts, sehen aber merklich gepflegter und attraktiver aus wie die Männer. Aber tun sie das nicht immer und das nicht mal aus Eitelkeit, sondern um uns Männern eine Freude zu machen.

 

Wie wunderbar die Frauen doch sind. Für einen Moment vergisst man dann als Mann die große Schwere, die das Leben mitunter mit sich bringt.

 

Schon ein ganz einfaches, „der Nagellack passt gut zu Ihnen“ zaubert sofort ein wunderbares Lächeln in Ihr Gesicht, kaum kleiner als hätte man gerade eine Hermes Vintage Kelly Bag überreicht.

Wichtig ist allerdings, dass das Kompliment aufrichtig und wahrhaft ist. Die große Sensibilität, die alle Frauen in sich tragen, in Jahrhunderten, ja sogar Jahrtausenden aus der schlichten Notwendigkeit entwickelt den richtigen Partner zu wählen, enttarnt einen ansonsten sofort als Vorstadt Casanova und wozu auch der Versuch, jede Frau hat schließlich irgendetwas Schönes an sich.

 

Eigenartigerweise haben sich an diesem speziellen Ort hier die Geschlechter angenähert. Beide sind sogar irgendwie jetzt gleich. Nur interessiert eine Kugel zu beobachten die in ein Loch fällt.

 

Das Ganze ist so konzipiert, dass die Kugel am Ende immer in ein Loch fällt. Da alle gleich sind, hat man Zahlen angebracht um sie überhaupt unterscheiden zu können.

 

Kleine Mädchen haben ein Spiel das heisst „Himmel und Hölle“. Auf der Strasse werden mit Kreide Zahlen in quadratische Kästchen aufgemalt. Dann wird ein Gummiband von zwei der Mädchen aufgespannt, während ein weiteres Mädchen auf den Zahlen und dem Gummiband herumspringt.

 

Bis heute ist mir tatsächlich völlig unklar wie das Spiel funktioniert und warum das auch noch "Himmel und Hölle" heisst. Auch habe ich noch nie gesehen, dass Jungs dabei mitspielen durften.

Bei Roulette dürfen die Jungs mitspielen. Womöglich ist deshalb wieder alles so bombastisch. Schwarze Anzüge, geschätzte acht Meter Raumhöhe, Jackettzwang, Aufsichten die von Oberaufsichten beaufsichtigt werden und das ganze noch in einer Traumvilla in Bestlage am Stadtpark, die nicht viel kleiner ist wie das Weisse Haus in Washington, immerhin der Sitz des amerikanischen Präsidenten. Da ist es dann schon etwas gewagt dem schönsten, wunderbarsten, geduldigsten und einfühlsamsten Lebewesen, großzügig einen Billig-Prosecco auszugeben. Das aber auch nur dienstags.

Der Kontrast könnte daher kaum größer sein, zudem durchschaubar und man kann sich im Prinzip nur schämen dabei. Schon meine Anwesenheit macht mich zu einem Unterstützer, einem französisch „supporteur“ dieses Spiels, der Gedanke gefällt mir nicht. Zudem setzt es jede heute am Dienstag rein zufällig anwesenden Frau dem Verdacht aus, nur gerade heute da zu sein, weil es einen gratis Prosecco gibt, und sicher schlimmer noch das Gefühl gibt, billig zu sein oder gar käuflich und das verabscheuen ja sogar diejenigen Frauen, die es tatsächlich sind.

Das Ganze hat sich sicher ein Mann im Marketing ausgedacht. Ich bin sicher, er hat es nicht schlecht gemeint. Wir Männer denken ja ganz gradlinig, während Frauen in Spiralen denken. So schnell kann dann eine an sich gut gemeinte Geste zu Verstimmungen führen, vermutlich auch der ganz simple Hintergrund hinter all den sinnlosen Streitigkeiten der Geschlechter. Keiner meint es böse, die Schnittstelle Mann/Frau ist da einfach schwer kompatibel.

Meine ehemals perfekt klaren Eiswürfel sind mittlerweile fast geschmolzen, haben aber Ihren Zweck erfüllt. „Gordon“s“ Gin mit „Schweppes“ Tonic. Seit 30 Jahren nichts anderes. Ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit. Ein zuverlässiger Wert und Begleiter in einer immer schneller drehenden Welt, die fortwährend echte Werte durch, nennen wir es Plastik, ersetzt ....

Ende Leseprobe: Auszug aus "Provinz Casino"

 

"Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern der, welcher sein Leben am meisten empfunden hat."

 - Jean-Jacques Rousseau -

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